Stefan

Ich komme Abends um 19:00 zum Dienst. Setze mich in das Arztzimmer, Espresso in der linken Hand, in der rechten Hand das Diensttelefon, kurzer Akku-Check, voll geladen, los geht’s.

13 Stunden liegen vor mir, zuständig für eine Intensivstation mit 9 Beatmungsbetten. Der Tagdienst gibt mir eine Übergabe über die aktuellen Patienten. Herr Maier hatte die und die Operation, diese Vorerkrankung, welche Untersuchungen sind heute gelaufen, welche Laborwerte sind schlecht, welche Probleme es heute gab, was ich eventuell in der Nacht zu erwarten habe. Kompakte Informationen, alle nochmals auf 6 DinA4-Seiten als Ausdruck zusammengefasst. Eine Stunde dauert eine Übergabe. Nebenbei erfahren wir, dass im Schockraum ein Verkehrsunfall eingeliefert wurde. Wir schwatzen noch ein wenig über Privates, dann geht der Tagdienst nach Hause.

Mit meiner Liste in der Hand gehe ich Patient für Patient ab, schaue mir die Beatmungseinstellungen für das künstliche Koma an, welche Perfusoren laufen, rede kurz mit der Intensivpflegekraft, ob es derzeit Problem gibt (Beatmung, Urinproduktion, Fieber, unklare Medikation). Eine Patientin kam Abends, kurz vor Übergabe, auf unsere Intensivstation. Sie hat über 3 Liter Blut während einer 7-stündigen OP verloren und so versuche ich zusammen mit meinem Pflegeteam in den nächsten zwei Stunden den Blutverlust auszugleichen und die entgleiste Gerinnung wieder in den Griff zu bekommen.

Dann erhalte ich einen Anruf von der diensthabenen Anästhesistin. Der Patient aus dem Schockraum wurde mittlerweile im OP mit einer externen Ventrikeldrainage (Video) bei Gehirnblutung versorgt. Nach einem neuerlichen CT des Schädels würde er nachbeatmet zu mir kommen. Ich gebe der Pflege bescheid, der Bettplatz wird vorbereitet. Einige Minuten später liegt Stefan vor uns. 18 Jahre alt. Vor gut zwei Stunden auf einer Bundesstraße bei hoher Geschwindigkeit mit seinem Motorrad frontal gegen ein anderes Motorrad gefahren. Der Unfallgegner war bereits vor Ort tot. Seine Mitfahrerin wurde schwerverletzt ins nächste Unfallkrankenhaus geflogen. Wir kümmern uns also um Stefan. Gehirnblutungen, ein völlig zertrümmertes Mittelgesicht und ein massives Bauchtrauma. Wir messen den Hirndruck bei Ankunft, 40mmHg. Stark erhöht. Das Gehirn schwillt an, es drückt sich selbst die Blutversorgung ab. Time is brain heißt es in der Notfallrettung, um die Wichtigkeit einer zügigen Versorgung zu betonen. Aber nun ist er versorgt. Und das Hirngewebe wird immer mehr geschädigt. Ich rufe den diensthabenden Neurochirurgen an. Er kennt den viel zu hohen Wert. Er meinte chirurgisch lässt sich da nichts mehr machen. Der Kreislauf von Stefan ist einigermaßen stabil. Wir geben ihm hochdosiert Noradrenalin und versuche sein künstliches Koma weiter zu vertiefen, um die Hirndrücke zu reduzieren.

Die Pflege teilt mir mit, dass die Eltern von Stefan vor der Intensivstation warten. Ich gebe ein Zeichen, dass wir noch einige Minuten brauchen. Der Hirndruck steigt mehr und mehr an… Werte über 100mmHg. Mit dem Leben schon nach einigen Minuten nicht mehr vereinbar. Der diensthabende Neurochirurg, Unfallchirurg und der Oberarzt der Anästhesie sind mittlerweile mit mir am Bett von Stefan. Wir diskutieren seinen Fall. Das Wort „infaust“ fällt immer wieder. Während dessen ruft mich der Radiologe an, es gebe einen starken Hinweis darauf, dass auch die Speiseröhre und wohl auch Dünndarm perforiert sei, der Bauch von Stefan wird zunehmend hart. Wir Kollegen sprechen uns alle ab und kommen zu dem Konsens, dass Stefan die heutige Nacht nicht überleben wird. Zu viert schauen wir uns alle nochmals kurz ins Gesicht, nicken uns zu. Wir kennen uns alle, jeder hat ein gutes Verhältnis, keine Freundschaften, das nicht, aber wir schätzen uns alle als Kollegen. Und wir wissen, dass die nächsten Minuten für alle emotional anstrengend werden.

Wir gehen den Gang der Intensivstation entlang und empfangen die Eltern. Wir bitte sie in einen Raum. Die Atmosphäre ist gespannt, die Eltern circa 50 Jahre jung. Es wird nicht lange rumgeredet, in solchen Situationen spricht man die Wahrheit gleich aus. Über die schwere Verletzung, dass das Gehirn bereits am Unfallort stark geschädigt war, dass wir alles getan haben, aber der Schaden zu groß ist, dass Stefan heute nacht versterben wird. Die Eltern reagieren kaum, später sagen sie mir, dass sie dachten, dass sei ein Film, dass habe alles nichts mit ihnen zu tun. Breaking bad news. Wir Ärzte schweigen. Raum geben. Die Mutter fängt an zu weinen. Der Vater schüttelt den Kopf. Nicht-Wahrhaben-Wollen. Und dann sagt der Vater: Und vor drei Wochen ist unser Haus abgebrannt. Und jetzt auch noch das. Mir schießt ein Blitz durch den Körper. So viel Unglück, so viel Leid in einer Familie. Nach einigen Minuten der Trauer bereite ich die Eltern auf das Treffen mit ihrem Sohn vor. Dass er starke Wunden im Gesicht hat, blaue Flecken überall, ein aufgequollenes Gesicht, viele Schläuche, die aus seinem Körper kommen. Und ich führe sie zu ihrem Sohn, schiebe zwei Stühle an das Bett. Für mich ist Stefan innerlich bereits tot, nur noch eine Hülle. Die Mutter nimmt Stefans Arm, der Vater sitzt resigniert am Bett und weint. Stille. Ich gehe aus dem Zimmer, lasse ihnen ihre Privatsphäre.

Mit meinem Oberarzt bespreche ich das weitere Prozedere. Auf welche Weise wir die kreislaufunterstützenden Medikamente und die Beatmung reduzieren sollen. Wann also der Tod eintritt, das steuern wir, aber in Wahrheit ist Stefan bereits tot, sein Gehirn ist kaputt, wir halten lediglich für einige Zeit noch seinen Körper am Leben, dass das Herz schlägt, dass die Niere arbeitet. In der Nacht kommen noch seine Großeltern. Seine Geschwister. Die sind betrunken, waren gerade auf einer Feier, Biergeruch, es ist Freitag Nacht, 00:30. Die Familie wechselt sich ab, jeder kann sich verabschieden von Stefan. In dieser Nacht wird viel geweint auf unserer Station. Einige Stunden später verstirbt Stefan.

Am Morgen überlege ich lange, ob etwas nicht mit mir stimmt. Das Schicksal von Stefan lässt mich kalt. Ich kenne ihn nicht. Seine Verletzungen waren zu stark, als dass ich, als dass wir noch viel für ihn hätte tun können. Lediglich durch das Zusammentreffen mit seiner Familie verspüre ich sowas wie Empathie. Und dann noch das abgebrannt Haus, „die Kripo ermittelt gegen uns“, sagte mir noch der Vater. Und: „War er betrunken, als der Unfall passiert?“ Nein, das war er nicht. Nachdem Stefan gestorben ist und seine Angehörigen weg sind, gehe ich nochmals zu Stefan hin, halte seine kalte, bleiche Hand und verabschiede mich.

Und ich wünsche ihm eine gute Reise, egal wohin, und denke, dass meine Arbeit hier ein gutes Memento mori ist, für mich selbst. Die anderen 8 Patienten waren heute nacht stabil, zum Glück. Zwanzig Minuten später kommt der Tagdienst und nach einer längeren Übergabe gehe ich nach Hause. Es ist 8:00. In 11 Stunden komme ich wieder zum Nachtdienst.

Dr. Zeus

Narkoseärzte sind Einzelkämpfer, sagen einige meiner Kollegen. Wir stehen im OP meist am Kopfende des schlafenden Patienten. Die Chirurgen stehen dann irgendwo am Torso und erledigen ihr Handwerk. Neben mit stets jedoch immer Dr. Zeus. Oder Dr. Primus.

Mein Narkosegerät zeigt mir auf dem Bildschirm die wichtigsten Informationen an: Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, wie viel Narkosegas in etwa in der Lunge des Patienten ist, Körpertemperatur.

Für alle diese Werte kann man Alarmgrenzen einstellen. Ist der Blutdruck zu hoch oder zu niedrig gibt es eine Alarmgeräusch und eine optische Erinnerung. Bing-bing-bing-bing-bing! Was man als erstes lernt, ist immer zuerst den Alarm-aus-Knopf zu drücken und erst anschließend zu überlegen, was denn nun das Problem ist. Ist es, wie so oft, ein Messfehler oder hat der Patient — und damit man selbst als Narkosearzt — ein Problem? Zusätzlich kann man mit Dr. Zeus auch die kontinuierliche Injektion von Medikamenten steuern, sowie die Applikation des Narkosegases.

Viele empfinden Narkosemaschinen als nervig. Ich habe einige Studenten erlebt, die meinten, sie könnten sich bei dem Gepiepse nicht konzentrieren, ja die Maschine würde sie regelrecht einschüchtern, das sei ja alles Gerätemedizin.

Im Gegensatz dazu sehe ich die Narkosemaschine also meinen großen Freund, der immer da ist. (Geräteausfälle gibt es extrem selten und wenn, da haben wir stets einen manuelle Backup in der Hinterhand.) Denn: Dr. Zeus hält mir den Rücken frei, Dr. Zeus ersetzt die fehlenden Hände, die ich nicht habe, Dr. Zeus warnt mich, wenn meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet ist.

Ich glaube, wenn man seine Narkosemaschine nicht als Freund und Helfer sieht, dann wird man in der Anästhesie nicht lange glücklich werden.